Dialog ist, wenn … (1)

Gestern habe ich am Dialogforum teilgenommen, welches das Land Sachsen das erste Mal in Chemnitz stattfinden ließ.

Ich habe mich angemeldet, trotz meiner Skepsis gegenüber diesen Veranstaltungen. Aber wenn ich sowieso zwangsläufig als Mensch in meiner neuen Heimat, als Christin und Grüne mit dem Thema Asyl und Pegida zu tun habe, dann gehe ich hin. Als Journalistin war ich natürlich neugierig, das selbst zu erleben. (Die normalen Medienvertreter durften bei den Gesprächen an den Tischen nicht lauschen, da war ich im Vorteil.)

Meine Hauptkritik, die sich bestätigte: Wenn die Leute als ‚Pegida‘ auf die Straße gehen, dann wollen einige ihre Anliegen vorbringen und Gehör finden. Vielleicht gehörten die Leute am ersten Tisch dazu: ein Pro-Chemnitz-Vertreter und zwei andere aus dem Pegida-Lager, die zufällig per Los zusammen an dem Tisch gelandet waren. Ansprechpartner war der AfD-Fraktionsvorsitzender Wurlitzer aus dem Landtag. Der war von jemand anderem zwei Stunden zuvor gebeten worden, den Platz zu übernehmen. Er sagte fast gar nichts. Die anderen hatten ihre Sammlungen mit kriminellen Taten von Asylbewerbern dabei und propagierten Abschiebung als Lösung. Wir sollten laut Anordnung der Veranstalter auf großen Papieren notieren, was uns gemeinsam bewegt. Ich versuchte es: Dass die Erde uns allen gemeinsam gegeben ist? Das war der Mehrheit am Tisch fremd. Eine Frau vom Flüchtlingsrat und ich haben uns bemüht, Informationen zum Thema einzuschleusen. Zum Beispiel, dass auch die Flüchtlinge und andere Ausländer ein Sicherheitsproblem haben mit Übergriffen – von denen die anderen noch nie etwas gehört hatten.

Angeblich hatten sie ihre Klagen schon anderer Stelle vorgebracht ohne Effekt. Überhaupt würde immer alles verheimlicht. „Aber ich habe einen Freund bei der Polizei, der Feuerwehr, der Ausländerbehörde, mein Schwiegervater war der Herausgeber der Zeitung …“ hieß es dann als Quelle der Behauptungen. Merke: In einer Demokratie lassen sich Probleme nicht totschweigen, auch in Sachsen nicht. Sie müssen transparent angegangen werden.

1. Die Leute müssen mit ihren Problemen Gehör finden. Dazu brauchen Verwaltungsleute Mediatoren, Helfer, die sich bei Bedarf dazuziehen können.

2. Wenn Entscheidungen auch gegen den Bürgerwillen getroffen werden, muss um so sorgfältiger kommuniziert werden, die Befürworter müssen gesammelt werden.

Krasses Beispiel am zweiten Tisch: Eine Frauenärztin hört an ihrem Ort von den Gerüchten eines Asylheims mit 150 Plätzen, von den Ängsten und sich entwickelnden rechten Einstellungen. Sie schreiben zu viert an den Landrat, bitten um Informationen, schlagen Alternativen zur zentralen Unterbringung vor. Und die Antwort: Keine.

Diese Frau ging nun nicht wie die Leute aus Perba zur Pegida. Sie meldete sich zum Dialogforum an und wie der Zufall es wollte: Sie saß Ministerpräsident Tillich gegenüber.

OK, wenn man zufällig eine Stunde mit Tillich reden kann, das Problem dieses Landkreises vorbringen, dann hat sich die Einladung gelohnt. Jetzt hoffen wir alle, dass die Inititative dieser Ärztin und der anderen aus ihrem Umfeld Erfolg hat. Ich habe unter anderem auf mehr Transparenz für die Bürger, etwa durch Tage der Offenen Tür, in der Erstaufnahme Ebersdorf gedrängt. Konkrete Zusagen gab es allerdings nicht.

Aber ob so ein Gespräch möglich ist, darf doch nicht dem Zufall überlassen bleiben! Sachsen hat nicht gelernt, die Bürger zur Lösung der Probleme einzubeziehen. Das rächt sich jetzt. Und da ist so ein Dialogforum eine teure Alibiveranstaltung.

Es wäre schon anders, wenn für das Dialogforum  wenigstens im Vorfeld die Themen gesammelt und Experten zugeordnet worden wären. Das zweite Thema Demokratie führte übrigens dazu, dass Bürger ihre Anliegen wegen Wassergebühren, Biokläranlagen, medizinischen Behandlungsfehlern … vorbrachten. Die CDU-Landtagsabgeordnete am Tisch habe daraus eine Bürgersprechstunde gemacht, wurde mir erzählt, aber für die anderen war es unergiebig.

Der letzte Teil in Form einer Fish-Bowl-Diskussion konnte nicht funktionieren, weil die „Fische“ am Rande eines großen akustisch lauten Saals auf einem Podium standen. Vorher überlegt? Auch Tillich hat lieber weiter geplaudert als zuzuhören.

Ich habe gelernt: Was ist ein Gespräch? Was man an den Ergebnissen misst. Was ist ein Dialog? Wo das Reden Selbstzweck ist. Und ein Dialogforum? Wo viele wichtige und dafür bezahlte Leute dabei sind. Und die unbezahlten Bürger sich fragen, was es ihnen gebracht hat.

Fazit: Mit einem soliden Kommunikationskonzept ließe sich die Herausforderung bewältigen, den Flüchtlingen zu helfen. Und Sachsen ein Stück vitaler, bunter und zukunftsfähiger zu gestalten. Dies #dialogmiteinder ist dazu der nullte Schritt. Vielleicht folgt ein erster.

 

 

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