Das Opfer Daniel Hillig, die Rechten, Chemnitz

„Die da haben mit der Trauer doch gar nichts zu tun. Daniel würde wegen seiner Hautfarbe selbst von ihnen angepöbelt“, sagt S. und weist auf die Menge, die sich vor dem Karl-Marx-Kopf versammelt hat. Wir sitzen am Abend des #c2708 auf einem Mäuerchen vor der Sparkasse an der Brückenstraße. Hier wurde Daniel Hillig in der Nacht auf Sonntag erstochen. Ein junger Syrer und ein Iraker wurden deshalb festgenommen. Es ging übrigens um Geld, meint S., nicht darum, dass er Frauen schützen wollte. Das hatte BILD zuerst behauptet, „unbestätigte Gerüchte“ zur Titelzeile im Netz erhoben. Und damit die Geschichte angeschoben. Sonntag Abend und mit einem riesigen Aufruf zu Montag Abend wurde von rechten Gruppen nach Chemnitz mobilisiert. Und damit einhergehen Anfeindungen, Angriffe gegen Migranten. Die Polizei hatte die Lage nicht im Griff. Chemnitz ist bundesweit in den Schlagzeilen.

Hier bei dem großen und kleinen Kreis der Grablichter und Blumen herrscht eine andere Stimmung als bei den „rechten und linken Demonstranten“, wie es immer wieder falsch zusammengefasst wird. Nicht viele Frauen und Männer haben sich hier getroffen. Ein Freundeskreis, über Facebook, über die Arbeit, über Freizeit, gemeinsame Geschichten verbunden. Daniel war ein netter und toleranter Mensch, wird mir geschildert. Einer der wenigen in seiner Altersgruppe, der ein Elternteil hatte, das nicht aus Deutschland stammt. Sein Gedenkprofil zeigt locker-besinnliche Sprüche.

S. aus Daniels Freundeskreis kenne ich vom Sonnenberg, meinem bunten und kreativen Stadtteil. Jetzt sind alle geschockt über den gewaltsamen Tod. Und auch über die Art, wie die Politik in ihre Trauer einbricht. Die Rechten haben beim Aufmarsch ihre Blumen niedergelegt. Daniels Tod wird instrumentalisiert, das sieht S. Ja, aber der Wunsch nach einer drastischen Strafe und Abschiebung der Täter ist groß. „Du wirst mich deswegen hassen“, sagt sie. Nein, natürlich nicht. Aber darüber diskutieren wir nicht, wenn einen gestern ein Todesfall betroffen hat. Wir müssen an dem Thema dran bleiben.

Eigentlich eine echte Leistung, dass diese Leute, die den Verlust zu beklagen haben, nicht allen Flüchtlingen die Schuld geben. Sündenböcke entlasten, das suchen auch die, welche polemisch alle Sachsen in einen Topf werfen. Da habe ich den Reflex, meine Heimatstadt Chemnitz verteidigen zu wollen. Schaut doch auf den 1. Mai 2018, als in der Erinnerung die große Machtdemonstration des III. Weges von Gegenaktionen fast überdeckt wurde!

Nein, der braune Bodensatz ist da, er wird aufgewirbelt. Und wächst, wenn die Leute sich nicht beschützt fühlen. Dass die Grünen in Sachsen stark und natürlich vergeblich gegen den Stellenabbau bei der Polizei gekämpft haben, hat mich sehr beeindruckt.

Und dann die verfehlte Kommunikationspolitik und die Fehler der Flüchtlingspolitik, über die ich schon öfter geschrieben habe. (Immerhin hat die Polizei Sachsen aktiv getwittert und wirbt in der Pressekonferenz, ihr dort und auf Facebook zu folgen, um die richtigen Informationen zu bekommen. Aber gegenüber solchen Geschichten ist ihre Reichweite zu begrenzt.)

Das Rechthaben nützt nichts: Es bleibt unser Land und damit unsere Verantwortung. Gerade gegenüber den Flüchtlingen, die jetzt in Angst sind. Meine Freundin Sana, Syrerin in Chemnitz, die selbst zwei Söhne hat, war so erschüttert angesichts der Nachricht. Ich hoffe auf viel Mut bei allen und Gottes Segen.

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